Wo steht das Töpferhandwerk!

von Jens-Peter Planke

Der Bundesinnungsverband hat die Unternehmensberatung Kirchgässler mit Marketinghilfen für das Töpferhandwerk beauftragt. Leider haben die meisten Betriebe mit der „Ceramic in“ des Bundesinnungsverbandes bislang nur eine Zeitungsartikelserie plumper und widersprüchlicher Stimmungsmache und als letztes eine Ansammlung marktwirtschaftlicher Allgemeinplätze bekommen. Eine Hilfe für das Töpferhandwerk dürfte aber auch schwer werden, da eine Entwicklung an der Wurzel analysiert werden muß und dann nicht mit furchtbar konventionellen Ratschlägen korrigiert werden kann. Ob hierfür die Organisationen des Handwerks wirkungsvolle Hilfe geben können, sehe ich nicht. Waren sie es doch, die den Niedergang des Handwerks begleitet haben.

„Handwerk hat goldenen Boden“ ist ein Sprichwort, das über Jahrhunderte bestand hatte, heute aber nicht mehr gelten soll. Begründet wurde diese Erfahrung durch eine Nische, die das Handwerk seit der Industrialisierung besetzt: * mit größerer Produktvielfalt als Manufakturen und Industrie, * einer großen Nähe am Kunden, * schnelles Reagieren auf wirtschaftliche oder politische Veränderungen, * kleine Wirtschaftskreisläufe, einerseits vom Rohstoff bis zum gebrauchsfertigen Produkt, aber auch die räumliche Nähe vom Rohstoffvorkommen zum Absatzmarkt.

Die „goldene Zeit“ endete da, wo das Handwerk nicht mehr in seiner Nische blieb, sondern mit der Marktbeherrschung der Industrie zum Erfüllungsgehilfen, bestenfalls zum Absatzpartner der Industrie wurde. Auch in der Keramik gibt es diese Entwicklung, mit den bekannten Folgen: * Die Verwendung von Fertigmassen, die eher Kunststoff denn Naturprodukt sind, * Brennöfen, die so konstruiert und automatisiert sind, daß wenige Knopfdrücke zum Erreichen eines gleichmäßigen Brennergebnisses ausreichen, * Vorläufige Vollendung des Bildes vom Handwerker als Vertriebspartner der Industrie ist der Einkauf von gegossenen und geschrühten Waren in Mengen, die nur noch einmal glasiert und gebrannt werden. Die professionelle Arbeitsweise unterscheidet sich immer weniger von der Tätigkeit im Hobbybereich. Die Produktion, die durch das Hobby den Töpfern abgenommen wird, gleicht zwar ein höherer Stellenwert von Keramik in der Gesellschaft aus. Es gibt aber einen anderen Zusammenhang: Wenn der Absatz des Keramikbedarfhandels und der Zulieferer nur noch zu einem Drittel vom Handwerk getragen wird (Die anderen Drittel jeweils vom Hobbybereich und von Schulen/ Institutionen) stellt sich zwangsläufig der gesamte Bedarfs- und Zulieferbereich nicht mehr auf die Ansprüche der Profis (Handwerker) ein, sondern auf die nicht so hohen Ansprüche der Mehrheit der Abnehmer an Tonen (mit denen kaum Höchstleistungen erbracht werden können), Glasuren, Werkzeugen, Brennöfen, Töpferscheiben (bei den mehr auf Transportabilität, denn auf Bodenständigkeit und Stabilität wert gelegt wird) etc. etc. Parallel dazu steht die Abwertung des Handwerks und die Stilisierung als künstlerische Tätigkeit. Das äußert sich u.a. auch in vielen Abiturientinnen, die den Töpferberuf als Sprungbrett für etwas Höheres nehmen. Aber auch einige Betriebe sehen notgedrungen im Drehen auf der Töpferscheibe den letzten Unterschied zu industriellen Produkten und streichen diesen Fakt werbewirksam heraus.

Und die Zeit schreitet weiter voran auf Kosten des Töpferhandwerks: Mit einer sehr aufwendigen Werbekampangne präsentieren sich neuerdings die großen und vitalsten Handwerksbetriebe in der Oberlausitz unter dem Slogan „Töpferkunst aus Sachsen“ als große Tonkünstler und verbergen die bodenständige und handwerkliche Auffassung ihrer Arbeit.

Die Organisationen des Handwerks eilen der beschriebenen Entwicklung voran. Innungen und andere Handwerksorganisationen sind am wichtigsten für die schwachen Betriebe. Der kleinste Nenner und das Mittelmaß geben das Niveau vor. Naheliegend ist da der Dummenfang, z.B. wenn an einem Markstand mit sehr schwacher Ware ein um so größeres blau-rotes Zeichen mit dem Spruch „Qualität kauft man nur bei einem Meisterbetrieb mit diesem Zeichen“ hängt, oder das Jammern über die schlechten Zeiten und gleichzeitige Stellen von Forderungen an die Politik (7% Mehrwertsteuer für Keramiken!). Solch Verhalten führt weit, aber aus dem Sumpf führt es nicht heraus!

In diese Richtung gehen auch die Zeitschriftenartikel und die bislang mageren Ratschläge von Berater Kirchgässler („mindestens ein“ Produkt, mit denen man tausende Läden im 100-km-Umkreis überfluten soll; zusätzliche Bedürfnisse erzeugen (Tamagotchi); Produktion für Zielgruppen und nicht für Menschen). Diese helfen meiner Meinung nach den Handwerksbetrieben nicht weiter, sondern sind für die Industrie gedacht. 40 Jahre parallele Entwicklung haben im Osten noch mehr die ursprüngliche Sicht auf das Thema erhalten: Im Gegensatz zu der Entwicklung im Westen, wo Keramik etwas besonders sein muß, voller Originalität, sind hier Töpfe zum Teil eben nichts Besonderes, auch nicht originell, sondern in diesem Teil ganz gewöhnliche Lebensbegleiter von großer Selbstverständlichkeit. Es ist so wichtig für den Bedarf, ob Keramik z.B. in der Küche oben auf dem Bord steht (zum Protzen) oder viel gefährdeter auf dem Tisch (zum Benutzen). Nur der Gebrauch von Keramik erzeugt eine ganz natürliche Nachfrage. Das setzt voraus, daß die Funktion die Form bestimmt. Und den Töpfern laste ich an, daß sie mit Ihrer Formenwahl der für sie schlechten Entwicklung weg vom Gebrauch der Keramik vorausgeeilt sind. Einem guten Handwerker sollte es trotzdem nicht schwer fallen, die Produktionsweise deutlich vom Hobby/ Schul-Bereich oder der Industrie zu trennen, also ein anderes Material und eine andere Technologie zu verwenden. Viele Töpfer des Ostens sind da, nach schlechten Erfahrungen mit Westerwälder Massen auf dem richtigen Weg. Sie beziehen ihre Drehmasse von zwei kleinen Tonaufbereitern aus der Nähe von Bürgel, die zwar teurer, dafür aber mit unübertroffenen Eigenschaften Tone aus Sachsen und Thüringen aufbereiten. Auch technologisch sich abzusetzen, fällt nicht schwer. Möglichkeiten, die ich ausschöpfe, sind die eigene Tonaufbereitung, das Seriendrehen, das Rohglasieren mit selbstgefertigter Glasur, das Brennen im großen, holzgefeuerten (und jetzt von der Ökosteuer belohneten) Ofen. Allesamt Technologien, die größeres handwerkliches Geschick erfordern.

Für ein neues Bild des Handwerks in der Gesellschaft wäe auch eine Fachzeitschrift für des Töpferhandwerk wichtig. Die beiden Zeitschriften „Keramikmagazin“ und „Neue Keramik“ widmen sich in unterschiedlichem Maße der künstlerische Keramik. Und wenn sie sehr selten doch mal einfache Handwerksarbeit (und Handwerksthemen) behandeln, wird es wie ein Kunstwerk als außergewöhnliches Einzelstück präsentiert. Eine Zeitschrift, in der sich die Töpfer nicht selber feiern, sondern sich wiederfinden mit ihren Themen und Problemen würde den Betrieben helfen. Und, noch wichtiger, der Gesellschaft ein stimmiges Bild über die Töpferei liefern. Ein mehr lustbezogenes Thema wäre schon mal, die Abhängigkeit von Töpferwaren von der Geburtenrate zu beleuchten. Denn Kinder sind zweifellos die größte Belastungsprobe für Keramik, aber für diesen Anspruch muß produziert werden.

Auch darauf gründen sich die Erfolge und die Zuversicht der traditionell arbeitenden Betriebe im Osten.